Westdeutscher Verlag 
jetzt Lucius & Lucius Verlagsgesellschaft  mbH
EuS 8 (1997) 2   Anhang
Seite 115-116
ETHIK UND SOZIALWISSENSCHAFTEN
Streitforum für Erwägungskultur

NEU: Erwägen Wissen Ethik (EWE) / Deliberation Knowledge Ethics

Brief von Heiner Benking zur Diskussion des Hauptarlikels von Ingetraut Dahlberg
"Zur 'Begriffskultur' in den Sozialwissenschaften: Lassen sich ihre Probleme lösen?" in EuS 7 (1996) ]
 

Sehr geehrte Damen und Herren,

2. Juli 1996


((I)) ich war erfreut von ihrer wichtigen Zeitschrift durch die Bitte um Kenntnis und Kommentar zum Beitrag Dahlberg frühzeitig erfahren zu haben,

ich war gespannt, wie solch ein breites und wichtiges Thema aufgenommen wird,

ich bin entsetzt, daß in der von Ihnen eingeladenen Kritik nur Domänen, nicht Überblick und Einordnung solch eines wichtigen Themas in einen Gesamtzusammenhang gefragt sind. Statt dessen reihen sich lokale Perspektiven, Mißverständnisse oder Paralleltexte. Nur wenige 'Kritiken' geben Substanz und sind es, wert. diskutiert zu werden. wie die Frage nach der Rolle der Fachschaften.

((2)) Statt "querzudenken", wie damals beim Weltkongress der Soziologen in Bielefeld gefordert, wird weiterhin und gerade auch bei globalen Fragen das Sektiererturn der Wissenschaften1 gepflegt und so den notwendigen Paradigmenwechsel verhindert. Ihr Streitforum ist da keine Ausnahme und 198t nur Einzelaspekte und Domänensichten zu Wort kommen, obwohl gerade Ihr Thema zu einer breiteren und übergreifenden, nicht hierarchischen Darstellung und Auseinandersetzung einlädt.

((3)) Bitte beachten Sie, daß die 'Probleme des Soziologendeutsch' (Budin 1993)2 allbekannt sind, aber vielleicht sich hier durch neue Werkzeuge eine Harmonisierung und eine Berücksichtigung verschiedener Kulturen, Denkschulen und Sprachen ermöglichen läßt.

((4)) Beim Einsatz elektronischer Assistenzsysteme ist jedoch die Frage der Überschaubarkeit und Orientierung kritisch zu prüfen. Tagtäglich wird aufgefordert 'Informationsfischer' auszubilden, doch niemand macht sich Gedanken, ob in eigenen oder fremden Teichen gefischt wird. Es ist allemal einfacher und sicherer, im vertrauten Terrain zu jagen, als sich auf die Hohe See, den 'Ozean des Wissens' hinauszuwagen. Problematisch ist jedoch, daß der Benutzer eines solchen heutigen elektronischen Assistenten oder 'Informationsbeschaffers' keine Idee von der Datenlage, Richtigkeit, Vollständigkeit, Verläßlichkeit hat. Problematisch ist, daß Filter- und Vermittlersysteme (Filter and Broker) angeboten werden, aber keine Karten und Orientierungshilfen, um sich zurechtzufinden und vielleicht sogar 'was-auch-immer' im Heuhaufen zu finden.

((5)) Warum, solch eine lange Einleitung zum Beitrag Dahlberg? Ist sie nicht im Ruhestand und so das Problem gelöst!? - Aus der Intelligenzforschung, speziell auch der Erforschung kognitiver Räume, wissen wir, daß es verschiedene Ordnungssysterne und kulturelle Zugänge zum Wissen gibt, z.B. Detail-, Routen-, und Überblickswissen.

Frau Dahlberg arbeitete auf der oberen Ebene, hier speziell an Fragen des Überblicks über und Zusammenhangs von Begriffswelten. Dies zudem mit dem Blick auf den gemeinsamen Zugriff auf verschiedene universelle Klassifikationssysteme und damit an Fragen des weltweiten Austauschs, also auch an der Überbrückung von Fach- und Landessprachen arbeitend. Keineswegs geht es ihr darum, wie ein Fachbereich seine 'Lösung' verbal oder zwischen den Zeilen versteckt, um Außenseiter frühzeitig erkennen zu k6nnen, ihr geht es darum, daß auch Fachleute mal Fremde sein können, also mit Politikern oder Kindern reden und sich auch interdisziplinär austauschen sollten. Genau hier sind universelle Ordnungssysteme und der Abgleich von Terminologie zwischen den Fachdisziplinen unabdingbar.

((6)) Es handelt sich nach Meinung des Verfassers bei Begrifflichkeiten nicht um Terrain, das besetzt und beherrscht werden darf, denn der freie Zugang zu Information sollte nicht durch willkürliche, proprietäre und künstliche Grenzen behindert werden. Es gilt, gedachte (Fach)Grenzen zu relativieren und auch gemeinsam auflösen zu können3.

((7)) Auch geht es um Patentschutz und Urheberrechte, lokal und international. Denn was hilft Urheberschutz, wenn Daten existieren, aber nicht zu finden sind und 'Erfindungen mehrfach gemacht werden müssen'4, bis sie als solche erkannt und anerkannt sind.

((8)) Ich möchte Sie weiterhin darauf aufmerksam. machen, daß die internationalen Experten, die in den 70iger Jahren das von dem UNESCO Programm UNISIST empfohlene 'Broad System of Ordering' entwickelt haben, dies auf der Basis der Materialsammlung zur ICC (vergl. Hauptartikel von Fran Dahlberg, Nr. 53ff) taten und daß auch z.B. das universale 'Functional Classification' Systern, mit dem die Union des Associations Internationales; (UIA), Brüssel, die Wissensgebiete ihrer 26000 internationalen Gesellschaften sowie weitere Anwendungsfälle und Enzyk1opädien in ihrem Publikationsprogramm geordnet hat, sich an der ICC orientiert. Wichtig ist bei Ordnungssystemen die innere Logik, daß der Aufbau sofort einleuchtet. Die Visualisierung in Matrixform wie beim ICC ist ein erster Schritt. Vorteile liegen in der leichten Computerübertragbarkeit. insbesondere die Abbildung als; Hypertext und in der multihierarchischen Strukturierung.

((9)) Obige Wissensordnungen von Frau Dahlberg und Herrn Judge helfen bei der Strukturierung eines 'Semantischen Raumes', analog zur Ordnung eines 'Wissenswarenlagers' für Kontexte oder physische Objekte. Der Verbund solcher einfachen und einprägsamen Ordnungsräume (3Raum/Zeit) wird vorn Autor als 'Panorama des Wissens und Nichtwissens' bezeichnet5. Unabdingbare Grundlagen dafür sind die Arbeiten von Frau Dr. Dahlberg, nach denen der Autor viele Jahre im Rahmen der Terminologieforschung und bei Internationalen Harmonisierungsprojekten für Umweltdaten gesucht hat6.

((10)) Bei den Kritiken, so scheint es, wird zuwenig überlegt, wer zu welchem Thema, mit welcher Perspektive und mit welchem Standort oder Hintergrund sein Wort erhebt. Der Autor arbeitet auch mit Kindern zu Fragen der Ganzheit und des Zusammenhangs, wie in dem 'Pfadfinder' Zukunftsausschau Projekt. Dabei geht es darum, Themenkarten als Ausschnitte eines erweiterten Weltbildes zu zeichnen. Den Mitspieler in der Karte zu finden und sich darüber zu unterhalten, wo man steht und was man sicht, ihn eventuell 'abzuholen', also zu wissen, auf welcher Ebene, in welcher Umgebung und in welchem (thematischen) Detail er gerade steckt.

Mit freundlichen Grüßen

Heiner Benking
 
 

Anmerkungen

1    Keyfitz, N.: (1994) On Sectarianism of SCIENCE, Options 17, IIASA, Laxemburg

2    Budin, G.: (1993) Wie (un)verständlich ist das Soziologendeutsch?, Begriffliche und textuelle Strukturen in den Sozialwissenschaften Werkstattreihe Band 42, Peter Lang, Frankfurt; siehe auch Budin, G.: Wissensorganisation rind Terminologie - Komplexität und Dynamik wissenschaftlicher Informations- und Kommunikationsprozesse, Fortim flir Fachsprachenforschung Band 28, Gunter Narr Verlag, Tübingen 1996; hier auch Fig 3 Footnote 2 in Harmonisierung und Standardisierung (Benking/Budin)

3    Welthildkompositionen - Ein notwendiger phylogenetischer Schritt, Konrad Lorenz Institut Altenberg, Januar 1997

4    Zitat: Huxley, Nobelpreisträgertreffen, Lindau 1996

5    Panorama of Understanding - Be and Feel Part of Life and Nature, First International Electronic Seminar on WHOLENESS; ISSS International Society for System Sciences, The Primer Group and others http://www.newciv.org/ISSS_Primer/seminar.html und Beitrag in WORLD FUTURES (in Vorbereitung). CONCEPT and CONTEXT Mapping - Towards common frames of reference, In: Section 1, Terminology and Philosophy of Science (planned with: Budin, Galinski, Oeser), TKE96 - Terminology and Knowledge Engineering, Association for Terminology and Knowledge Transfer, Intetwitional Centre for Terminology (termnet), TU Vienna, August 1996, Neue Horizonte und Oricntierungen Dank einer Architektur für Denkräume, In: MENSCH - MASSE MEDIEN, Interaktion oder Manipulation, IFIG Ulm Internationales Forum für Gestaltung, Ulm School of Design Foundation, Sept. 1996; A Paradigm-Shift? Orchestrating Representations Like Knowledge Trees and Knowledge Spaces, COUNCEIL de I'EUROPE, Conference on a NEW SPACE FOR CULTURE AND SOCIETY - New Ideas in Science and Art, Prague Castle, Czech Republic, Nov. 1996

6    'Multilingual Information Society and Terminology' im Rahmen der 1100 jahrfeiern Ungarns, des 60. Grandungstages der Tenninologieforschung und des 25. Gründungstages von infoterm Wien, am 24. August 1996, Budapest; Keune. H, Murray, B., Benking, H. (1991): Harmonization of Environmental Measurement, GeoJournal 23.3 249-255, Kluwer Academic Publishers; Benking, H., Kampffineyer, U. (1992): Access and Assimilation: Pivotal Environmental Information Challenges, linking Archiving, and Exploiting MultiLingual Multi-Scale Environmental Information Repositories, Geojornal 26.3 323-334, Kluwer Academic Publishers; Benking, H.: Proposing a Conceptual Superstructure - A Work Report and a Vision to explore issue-scapes as virtual landscapes by making use of surveyors' Abilities and Views, FIG XX, keynote representing Dr. Noel Brown. Director of UNEP New York in Melbourne; Benking, H.: The Optics of Ethics - Scales, Patterns, Scales, Horizons, Proportions, and Consequences in Shared Perspectives, World Futures Studies Federation WFSF, Eco-Philosophy and Environmental Ethics, Section III, Nairobi 1995