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Auf dem Weg zu einer individuellen und
kollektiven Ethik, Heiner Benking |
NEUE WERTE FÜR Transdisziplinäres Kolloquium |
Umbruchzeit mit Risiken und Chancen
Ein Weg zu einer
gemeinsam getragenen Ethik steht im Spannungsfeld einer primär
auf den einzelnen bezogenen Ethik und dem Ethos der Politik und
Soziologie, deren Thema das Zusammenleben ist. Erschwerend kommt in
einer postmodernen Umbruchzeit hinzu, daß wir Gefahr laufen
nicht nur den Weg zu einer umfassenderen Ethik aus den Augen
verlieren, sondern prinzipiell Orientierung allgemein als unmöglich
angesehen wird. Eine fatale Situation: Ohne Weltbilder
und Ziele ist kein Orientierung möglich, und die “Zuständigen”
für Orientierung, seinen sie aus der Philosophie, Religion,
Wissenschaft, Politik oder Praxis streiten um ihr Mandat und Ihren
“Einfluß” wobei es doch um ein Bild geht, das alle
Teilaspekte einbezieht
Kritisch wird solch eine weitverbreitete
Verwirrung oder gar solch ein intellektuelles Dogma wenn dieser
“Fakt” einer postulierten universellen Beliebigkeit als
unumkehrbare "Zweite Flut" (Pierre Lévy/Europarat
Report) oder "Dritte Bombe" der neuen Tele-Technologien
(Albert Einstein) mit Angstmetaphern besetzt in allgemeinen
Verständnis festgeschrieben werden, wir also verbreitet Chaos,
Verwirrung und Haltlosigkeit fatalistisch als gegeben und nicht
auflösbar hinnehmen.
Als eine erste Abhilfe gegen obige
“Visionen” oder Definitionen mit dramatischen
gesellschaftlichen Konsequenzen (verbreitetes Gefühl der
Sinnlosigkeit, Apathie, und Angst) soll hier gezeigt werden, daß
subjektive, postmodernistische “Einsichten” auch
Verirrungen sein können, und vor allem, daß es in
komplexen und dynamischen Systemen nur eine eingeschränkte und
momentane Genauigkeit oder Sicherheit geben kann, und des halb die
hier vorgeschlagene Groborientierung angezeigt ist.
Eine Brücke zwischen Wirklichkeiten und Möglichkeiten
Unter dem Arbeitstitel einer "Optik und Haptik der
Erkenntnis für die Ethik" verstehen wir nicht nur eine
Ethik mit Raum- und Zeithorizont (Hans Jonas), sondern die
Einbeziehung und Verkörperung von Dimensionen jenseits der
physischen Greifbarkeit und die Möglichkeit teilnehmender
Beobachtung und Absprache über die engen persönlichen
Horizonte hinaus ausdehnen zu können. Größenordnungen
und Zeiten ausserhalb unserer direkten Lebenswelt haben Auswirkungen
auf uns und zukünftige Generationen, sie müssen folglich in
unser Kalkül mit einbezogen werden. Gregory Bateson forderte uns
auf "Antennen für Zeithorizonte", ein
nachvollziehbares Zeitbewußtsein zu entwickeln. Hier sollen
aber nicht nur Informationen nicht physisch greifbarer Dimensionen
gemessen, sondern auch eingeordnet und verbunden werden, der Kontext
soll in den Vordergrund treten.
Durch Zusammnehangserkenntnis wird ethische Orientierung
möglich
Eine Gesamtkonstruktion oder das Gerüst zur
Verortung von Themen, Objekten und Kontexten nennen wir ein
"kognitives Panorama". Es handelt sich dabei wohlgemerkt
nicht um einen universellen Kosmos, der alle Fragen und Anworten
beinhaltet, sondern um eine Darstellung von Zusammenhängen der
Wissenbereiche im Überblick. In dieser Überblickskarte
können wir wie mit einem Finger (Index) Bereiche, über die
wir etwas wissen oder nichtwissen, einkreisen, überlagern und
benennen.
Es geht also bei möglichen Anwendungen nicht
primär um kognitives und spezifisches Detailwissen, sondern um
das Recht auf Zusammenhang und Kontext - und dies nicht nur in einem
"hierarchischen Modell" wie wir es in der
epistemeologischen Kolonisation der Welt zuhauf finden, sondern um
die Übersetzung und Transformation (Gestaltwandel), die
Komposition von Aspekten und Perspektiven, Blickwinkeln und Themen,
die Koexistenz von einem Ego-, Eco-, Bio-, Physio-, oder gar
Gaia-“Zentrismus”, eben nur Positionen die wir einnehmen
und wechseln können (geistige Mobilität). Man kann sich
diesen Sicht und Positionswechsel auch als eine Verkörperung der
exzentrischen Positionalität Helmuth Plessners in einem
Denkgebäude mit mehreren Räumen vorstellen, Räumen die
man gemeinsam sowohl von innen und aussen, als auch aus jeder anderen
Position erkunden kann. Wir nennen dies ein "Haus der Augen"
oder auch ein "Haus der Horizonte und Perspektiven".
Es
geht dabei keinesfalls darum eine universelle und ultimative Karte
für alles und jedes zu entwickeln, sondern einen Bezugsrahmen zu
schaffen um Wissenspositionen aus unterschiedlichen Sprachen und
Kulturen einen konkreten Ort und Bezug zu geben.
Wissen und sich Orientieren um sich „zurechtzufinden“
Nach Albert Einstein geht es nicht so sehr darum etwas zu wissen,
sondern sich zu orientieren und darüber hinaus, sich
zurechtzufinden. Es geht also nicht darum, sich schon früh in
der Schule sogenannte kulturelle Fähigkeiten anzueigenen, wie im
Internet surfen und möglichst viel Wissen anzusammeln, sondern
durch praktische Erfahrung und geistige Mobilität auch eine
innere Sicherheit zu entwickeln, und im praktischen Einzelfall
Wichtigkeiten, Drinklichkeiten, Stile und Werte einzubeziehen.
Gespräch, Geschichten und Visionen als Rüstzeug für
Entscheidungen
Früher galten das Gespräch und
Geschichtenerzählung der Sicherung von Gemeinschaft, indem man
sich gemeinsam an wünchenswerten Zielen und Werten
auszurichtete. Dies illustriert die Geschichte von Mamun, dem Sohn
Harun al Raschids. Dieser stand vor dem Scherbenhaufen eines
verwahrlosten Erbes; Streit und Mißgunst hatten eine kulturelle
und reiche Gemeinschaft zerrissen, strenge Gesetze und Steuern hatten
nichts bewirkt, sondern nur weiter gespalten, so daß Einzelne
und Gruppen versuchten die Oberhand zu gewinnen.
Mamuns Idee oder
Lösung? Er beauftragte Künstler und Handwerker ein
wunderschönes Modell einer florierdenden und reichen Stadt zu
Bauen, welches er Einzelnen (heute würden wir sagen
Multiplikatoren) vorstellte. Diese erzählten und schwärmten
bis sich alle in ihrer Phantasie damit beschäftigen - und so,
indem sie diese Vision zu ihrer eigenen gemacht, sich folglich mit
der Eintracht auch Wohlstand einstellen konnte.
Die Moral: Ein
positives Bild/Modell motiviert, doch es wird nur real wenn wir
gemeinsam darauf zuarbeiten und ihm so Raum, erst in unserer
Phantasie und dann wenn als wünschenswerte "Zukünft"
gewollt und gemeinsam getragen, auch als Realität - Möglichkeit
wird so Wirklichkeit. Dies läßt uns auch an die
Zukunftswerkstätten nach Robert Jungk denken: Nach einer
Kritikphase geht es in einer nachfolgenden, Machbarkeiten vorerst
zurückstellenden Phantasiephase darum, gemeinsam
wünschenswerte Zukünfte zu entwerfen und damit ins Gespräch
zu bringen. Zusammengefaßt: Kontextuelles oder detailliertes
Wissen und Visionen reichen allein nicht, es gilt die Disposition der
Beteiligten und die Situation mit einzubeziehen und in dieser
gemeinsam Öffnungs- und Begrenzungshorizonte konkret anfaßbar
und mitteilbar zu machen.
Doch gerade diese gemeinsamen Modelle
fehlen heute. Jenseits des "Dorfes" wir es schwammig und
postmodern beliebig. Wohlgemerkt: Die Begriffe Bilder, Entwürfe,
Modelle werden oft synonym verwendet. Deshalb erscheint es wichtig
eine gemeinsamen Nenner zu suchen Und dieser Gemeinsame Nenner ist
ein räumliche ausgedehnte Modelle für das "Zwischen"
(In-between). In diesem Modell zwischen Möglichkeit
(Pantasie) und Wirklichkeit finden Bilder Ebenen, Perspektiven,
Positionen und Horizonte ihren Platz, werden so individuell und
kollektiv "mit"fühlbar. Forderungen nach gemeinsamen
Bezügen, Rahmen, Ordnungen verhallen in solchen Zeiten und
modernen Umgebungen all zu leicht, werden ignoriert oder bekämpft.
Trotzdem und gerade deshalb erscheint es notwendig hier
vorgeschlagenen tiefe Modelle alternativ zu landläufigen,
bunten, oberflächlichen Bildern zu erproben, anstatt nur
isolierte Positionen, Meinungen und Muster zu vergleichen.
Es
gilt eine individuelle und kollektive Ethik wie ein Gebäude zu
entwerfen, etwas konkretes, daß uns Grundlage und Orientierung
geben kann, zudem beleb-, greif-, und nachvollziehbar ist,
anschaulich und (mit)fühlbar mit und für Hand, Herz und
Kopf. Etwas für eine Orientierung von Zusammenhang
und Zusammenhalt, etwas das wir als Rahmen
- Matrix,
Haus,
Karte/Landschaft
oder "zusätzliche
Haut" nutzen und verstehen können - um Identifikation
und Gemeinsamkeit Platz, Lage und Raum zu geben... aber auch zwischen
den "Lagen", Perspektiven, Metaphern
und "Gestalten"/Ordnungssystemen
oder Schema/Mustern
"(image schemas" im Sinne von George Lakoff), wechseln zu
können und so zu etwas mehr Orientierung, Verstehen, und
Toleranz zu kommen.
PS:
Zum Thema House of Wisdom findet sich viel in der Arabischen Tradition. Dies wurde auch zum Jean Gebser event 2001 aufgegriffen und ist Teil der Diskussion um ein gemeinsames Haus, oder Welthaus. Siehe Oikos, Ecumene, Ecudomy
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Heiner Benking ist engagierter und "concerned"
Generalist, Berater, Starter, und Hazardeur/Grenzgänger. Sein
Berufsweg begann 1968 als Landmesser, Planer und Modellbauer..., -
er arbeitet(e) in der Stadt- und Landesplanung, Technologie- und
Management-, Marketing- und Strategieberatung in Deutschland und
anderswo. |
dazu auch:
Re-Invent Democracy 1999: RUNDE TISCHE - Schnittstelle zwischen Experten und Bevoelkerung, Rundgespraehe - Eine wichtige Gespraehskultur als Voraussetzung fuer eine Ethik des Miteinander,