Auf dem Weg zu einer individuellen und kollektiven Ethik, 
einer Ethik für erweiterte Kontexte mit Hand, Herz und Kopf 

Heiner Benking 

NEUE WERTE FÜR 
DAS 21. JAHRHUNDERT

Transdisziplinäres Kolloquium

Ethik-Gipfel 

Umbruchzeit mit Risiken und Chancen
Ein Weg zu einer gemeinsam getragenen Ethik steht im Spannungsfeld einer primär auf den einzelnen bezogenen Ethik und dem Ethos der Politik und Soziologie, deren Thema das Zusammenleben ist. Erschwerend kommt in einer postmodernen Umbruchzeit hinzu, daß wir Gefahr laufen nicht nur den Weg zu einer umfassenderen Ethik aus den Augen verlieren, sondern prinzipiell Orientierung allgemein als unmöglich angesehen wird.  Eine fatale Situation:  Ohne Weltbilder und Ziele ist kein Orientierung möglich, und die “Zuständigen” für Orientierung, seinen sie aus der Philosophie, Religion, Wissenschaft, Politik oder Praxis streiten um ihr Mandat und Ihren “Einfluß” wobei es doch um ein Bild geht, das alle Teilaspekte einbezieht
Kritisch wird solch eine weitverbreitete Verwirrung oder gar solch ein intellektuelles Dogma wenn dieser “Fakt” einer postulierten universellen Beliebigkeit als unumkehrbare "Zweite Flut" (Pierre Lévy/Europarat Report) oder "Dritte Bombe" der neuen Tele-Technologien (Albert Einstein) mit Angstmetaphern besetzt in allgemeinen Verständnis festgeschrieben werden, wir also verbreitet Chaos, Verwirrung und Haltlosigkeit fatalistisch als gegeben und nicht auflösbar hinnehmen.
Als eine erste Abhilfe gegen obige “Visionen” oder Definitionen mit dramatischen gesellschaftlichen Konsequenzen (verbreitetes Gefühl der Sinnlosigkeit, Apathie, und Angst) soll hier gezeigt werden, daß subjektive, postmodernistische “Einsichten” auch Verirrungen sein können, und vor allem, daß es in komplexen und dynamischen Systemen nur eine eingeschränkte und momentane Genauigkeit oder Sicherheit geben kann, und des halb die hier vorgeschlagene Groborientierung angezeigt ist.

Eine Brücke zwischen Wirklichkeiten und Möglichkeiten
Unter dem Arbeitstitel einer "Optik und Haptik der Erkenntnis für die Ethik" verstehen wir nicht nur eine Ethik mit Raum- und Zeithorizont (Hans Jonas), sondern die Einbeziehung und Verkörperung von Dimensionen jenseits der physischen Greifbarkeit und die Möglichkeit teilnehmender Beobachtung und Absprache über die engen persönlichen Horizonte hinaus ausdehnen zu können. Größenordnungen und Zeiten ausserhalb unserer direkten Lebenswelt haben Auswirkungen auf uns und zukünftige Generationen, sie müssen folglich in unser Kalkül mit einbezogen werden. Gregory Bateson forderte uns auf "Antennen für Zeithorizonte", ein nachvollziehbares Zeitbewußtsein zu entwickeln. Hier sollen aber nicht nur Informationen nicht physisch greifbarer Dimensionen gemessen, sondern auch eingeordnet und verbunden werden, der Kontext soll in den Vordergrund treten.

Durch Zusammnehangserkenntnis wird ethische Orientierung möglich
Eine Gesamtkonstruktion oder das Gerüst zur Verortung von Themen, Objekten und Kontexten nennen wir ein "kognitives Panorama". Es handelt sich dabei wohlgemerkt nicht um einen universellen Kosmos, der alle Fragen und Anworten beinhaltet, sondern um eine Darstellung von Zusammenhängen der Wissenbereiche im Überblick. In dieser Überblickskarte können wir wie mit einem Finger (Index) Bereiche, über die wir etwas wissen oder nichtwissen, einkreisen, überlagern und benennen.
Es geht also bei möglichen Anwendungen nicht primär um kognitives und spezifisches Detailwissen, sondern um das Recht auf Zusammenhang und Kontext - und dies nicht nur in einem "hierarchischen Modell" wie wir es in der epistemeologischen Kolonisation der Welt zuhauf finden, sondern um die Übersetzung und Transformation (Gestaltwandel), die Komposition von Aspekten und Perspektiven, Blickwinkeln und Themen, die Koexistenz von einem Ego-, Eco-, Bio-, Physio-, oder gar Gaia-“Zentrismus”, eben nur Positionen die wir einnehmen und wechseln können (geistige Mobilität). Man kann sich diesen Sicht und Positionswechsel auch als eine Verkörperung der exzentrischen Positionalität Helmuth Plessners in einem Denkgebäude mit mehreren Räumen vorstellen, Räumen die man gemeinsam sowohl von innen und aussen, als auch aus jeder anderen Position erkunden kann. Wir nennen dies ein "Haus der Augen" oder auch ein "Haus der Horizonte und Perspektiven".
Es geht dabei keinesfalls darum eine universelle und ultimative Karte für alles und jedes zu entwickeln, sondern einen Bezugsrahmen zu schaffen um Wissenspositionen aus unterschiedlichen Sprachen und Kulturen einen konkreten Ort und Bezug zu geben.

Wissen und sich Orientieren um sich „zurechtzufinden“
Nach Albert Einstein geht es nicht so sehr darum etwas zu wissen, sondern sich zu orientieren und darüber hinaus, sich zurechtzufinden. Es geht also nicht darum, sich schon früh in der Schule sogenannte kulturelle Fähigkeiten anzueigenen, wie im Internet surfen und möglichst viel Wissen anzusammeln, sondern durch praktische Erfahrung und geistige Mobilität auch eine innere Sicherheit zu entwickeln, und im praktischen Einzelfall Wichtigkeiten, Drinklichkeiten, Stile und Werte einzubeziehen.

Gespräch, Geschichten und Visionen als Rüstzeug für Entscheidungen
Früher galten das Gespräch und Geschichtenerzählung der Sicherung von Gemeinschaft, indem man sich gemeinsam an wünchenswerten Zielen und Werten auszurichtete. Dies illustriert die Geschichte von Mamun, dem Sohn Harun al Raschids. Dieser stand vor dem Scherbenhaufen eines verwahrlosten Erbes; Streit und Mißgunst hatten eine kulturelle und reiche Gemeinschaft zerrissen, strenge Gesetze und Steuern hatten nichts bewirkt, sondern nur weiter gespalten, so daß Einzelne und Gruppen versuchten die Oberhand zu gewinnen.
Mamuns Idee oder Lösung? Er beauftragte Künstler und Handwerker ein wunderschönes Modell einer florierdenden und reichen Stadt zu Bauen, welches er Einzelnen (heute würden wir sagen Multiplikatoren) vorstellte. Diese erzählten und schwärmten bis sich alle in ihrer Phantasie damit beschäftigen - und so, indem sie diese Vision zu ihrer eigenen gemacht, sich folglich mit der Eintracht auch Wohlstand einstellen konnte.
Die Moral: Ein positives Bild/Modell  motiviert, doch es wird nur real wenn wir gemeinsam darauf zuarbeiten und ihm so Raum, erst in unserer Phantasie und dann wenn als wünschenswerte "Zukünft" gewollt und gemeinsam getragen, auch als Realität - Möglichkeit wird so Wirklichkeit. Dies läßt uns auch an die Zukunftswerkstätten nach Robert Jungk denken: Nach einer Kritikphase geht es in einer nachfolgenden, Machbarkeiten vorerst zurückstellenden Phantasiephase darum,  gemeinsam wünschenswerte Zukünfte zu entwerfen und damit ins Gespräch zu bringen. Zusammengefaßt: Kontextuelles oder detailliertes Wissen und Visionen reichen allein nicht, es gilt die Disposition der Beteiligten und die Situation mit einzubeziehen und in dieser gemeinsam Öffnungs- und Begrenzungshorizonte konkret anfaßbar und mitteilbar zu machen.

Doch gerade diese gemeinsamen Modelle fehlen heute. Jenseits des "Dorfes" wir es schwammig und postmodern beliebig. Wohlgemerkt: Die Begriffe Bilder, Entwürfe, Modelle werden oft synonym verwendet. Deshalb erscheint es wichtig eine gemeinsamen Nenner zu suchen Und dieser Gemeinsame Nenner ist ein  räumliche ausgedehnte Modelle für das "Zwischen" (In-between). In diesem Modell  zwischen Möglichkeit (Pantasie) und Wirklichkeit finden Bilder Ebenen, Perspektiven, Positionen und Horizonte ihren Platz, werden so individuell und kollektiv "mit"fühlbar. Forderungen nach gemeinsamen Bezügen, Rahmen, Ordnungen verhallen in solchen Zeiten und modernen Umgebungen all zu leicht, werden ignoriert oder bekämpft. Trotzdem und gerade deshalb erscheint es notwendig hier vorgeschlagenen tiefe Modelle alternativ zu landläufigen, bunten, oberflächlichen Bildern zu erproben, anstatt nur isolierte Positionen, Meinungen und Muster zu vergleichen.
Es gilt eine individuelle und kollektive Ethik wie ein Gebäude zu entwerfen, etwas konkretes, daß uns Grundlage und Orientierung geben kann, zudem beleb-, greif-, und nachvollziehbar ist, anschaulich und (mit)fühlbar mit und für Hand, Herz und Kopf. Etwas für eine Orientierung von Zusammenhang und Zusammenhalt, etwas das wir als Rahmen - Matrix, Haus, Karte/Landschaft oder "zusätzliche Haut" nutzen und verstehen können - um Identifikation und Gemeinsamkeit Platz, Lage und Raum zu geben... aber auch zwischen den "Lagen", Perspektiven, Metaphern und "Gestalten"/Ordnungssystemen oder Schema/Mustern "(image schemas" im Sinne von George Lakoff), wechseln zu können und so zu etwas mehr Orientierung, Verstehen, und Toleranz zu kommen.
 

PS:

Zum Thema House of Wisdom findet sich viel in der Arabischen Tradition. Dies wurde auch zum Jean Gebser event 2001 aufgegriffen und ist Teil der Diskussion um ein gemeinsames Haus, oder Welthaus. Siehe Oikos, Ecumene, Ecudomy

Heiner Benking ist engagierter und "concerned" Generalist, Berater, Starter, und Hazardeur/Grenzgänger. Sein Berufsweg begann 1968 als Landmesser, Planer und Modellbauer..., - er arbeitet(e) in der Stadt- und Landesplanung, Technologie- und Management-, Marketing- und Strategieberatung in Deutschland und anderswo. 
Wichtige Stationen der letzten Jahre waren ”Denkwerkstätten” wie das FAW in Ulm, der Club of Budapest, und das Maasticht McLuhan Institut, und natürlich als Impuls für viele Aktivitäten die Mitwirkung bei der GLOBAL CHANGE Ausstellung für das Bundeskanzleramt im Mai 1990 (Eine Ausstellung die er derzeit als Organisator oder Kurator betreut). Sein besonderes Augenmerk liegt im Bereich der Entscheidungsunterstützung, Mediation, Gesprächskultur und neuen Kongreßformen. Sein “Zeitkredit” Gesprächsspiel dient dazu Realitäten zu teilen, neuen Stimmen ein Podium zu geben, Bewußtsein für gemeinsame Zeit und Aufmerksamkeit zu entwickeln, und so helfen andere Positionen besser erkunden und erörtern können, Intuition durch ein- und mitfühlen zu schulen. Derzeit arbeitet er an der Humboldt Universität zu Berlin und betreut das Millennium Projekt des American Councils to the United Nations-University (AC/UNU), Tokio/Washington in Deutschland. Weiteres findet sich unter: http://www.benking.de/   http://open-forum.de

dazu auch:

Re-Invent Democracy 1999: RUNDE TISCHE - Schnittstelle zwischen Experten und Bevoelkerung, Rundgespraehe - Eine wichtige Gespraehskultur als Voraussetzung fuer eine Ethik des Miteinander,