Leserzuschrift zum TAZ Artikel von Freitag, 14. Februar 2003, Berlin, Seite 27 

Von Penetranz und Petra Kelly

Die Frauen-, Friedens- und Öko-Aktivistin Eva Quistorp ist wieder da: Mit ihrer "Berliner Erklärung" hat sie im Internet früher als große Friedensorganisationen hunderte gegen den drohenden Irakkrieg mobilisiert - Portrait einer Getriebenen  -   http://www.taz.de/pt/2003/02/14/a0306.nf/text
Da im Internet der TAZ die Bildunterschrift nicht erscheint hier der Untertext herausgestellt:
Radikaldemokratin, weggemobbt von den Grünen, Politikerin ohne Mandat: Eva Quistorp

Der Link zur Berlin Deklaration ist folgender: http://berlin-declaration.org     
Der Leserbrief wurde auch aufs Web gestellt, damit bei Kürzungen der Hinweis zum Original möglich ist. http://benking.de/gesandte-getriebene.html

Zuschrift von Heiner Benking, Berlin

Gesandte oder Getriebene? - Fragen und Bemerkungen zu Eva Quistorps Mandat

Vorab dürfen wir uns sicher bedanken, dass einer "Aktivistin" so viel Raum in einer Tageszeitung geschenkt wird, doch es bleibt nach dem Lesen ein schaler Beigeschmack. Nur eine Person war bereit dem Redakteur nicht anonym eine Meinung über Eva Quistorp für die Leser "mitzugeben", so daß überproportional persönliche Meinungen und Zwistigkeiten den Beitrags vergiften. Man muß sich also fragen, ob der Redakteur Philipp Gessler auf der Pressekonferenz im Abgeordnetenhaus nicht mit Hartmut von Hentig (Bielefeld-Berlin), oder anderen Teilnehmern die Eva Quistorp auch aus dem persönlichen Umfeld schon Jahre und Jahrzehnte kennen, hat sprechen können oder nicht sprechen wollen. Statt dessen läßt er anonym - wie ich vermute - lokale Wettbewerber oder Lokal-/Fachfürsten zu Wort kommen. Die Liste der Erstunterzeichner gibt doch nun wirklich genug Namen her, die nicht nur bekannt und einzuschätzen sind, sondern die auch öffentlich die Porträtierte in einem breiteren Umfang und bedachter hätten würdigen können.

1001 handverlesene Erstunterzeichner, also ohne die Unterschriften des Internationalen Friedensbüros, noch im Jahre 2002, erscheinen mir sehr viel, denn im kleinen ohne Ressourcen und primär über die eigenen Netzwerke soviel Beweger, Multiplikatoren und Entscheider der ersten Garnitur zur Unterschrift zu bewegen ist eine ausserordentliche Leistung. Dass wie üblich über Unterschriftenlisten auf der Strasse im nächsten Schritt viel, viel mehr Unterschriften von mir und Dir gesammelt werden können, ist selbstverständlich, zumal wenn vorher schon Uexkuell, Alt, Eppler, Glotz, Ullmann, Grass, Schorlemmer, Henderson und all die anderen Bekannten unterschrieben haben. Doch was ist viel und was ist wenig? Es ist oft zuwenig, deshalb ist die Frage des Journalisten in der Pressekonferenz berechtigt, aber auch die Reaktion von Eva Quistorp, die eine Nichtachtung und Nichtbeachtung täglich erlebt und vielleicht sensibler reagiert als optimal und medienwirksam Aber geht es nicht um Mitfühlen und Emotionen anstelle von toten Zahlen und Kategorien? Ich denke, dass eine betroffene Reaktion von Eva Quistorp, wie z.B.: "aber Leute 1000 Unterschriften sind doch so viel", das gerade solche impulsiven Antworten viel mehr von der "gewürdigten" verraten als viele Schriften, zumal wenn jemand, der eine solche Frage stellt, nicht zu wissen scheint wer im Detail unterschrieben hat und wie entspechende Institutionen und Namen zu werten sind!

 Für mich ist Eva Quistorp wirklich eine Getriebene, doch dies ist weit mehr als eine Lobbyistin oder Gesandte für irgendwelche Interessen, sondern eine, die angetrieben vom Interesse an der Welt sich seit mehr als 30 Jahren für Frienden, Umwelt, Kultur und soziale Fragen engagiert. Der Unterschied liegt in dem, wer oder was da treibt; ist es das Engagement für Gemeingüter und das Überleben auf allen Ebenen oder ist es nur - wie so oft - Pflege der Eigeninteressen oder die einer Interessenverwesung ach so vieler Interessenverwalter/Fachschaften. Getrieben in der Not vom eigenen Ansporn und trotz der Unwissenheit und Eifersucht vieler immer noch weiterzumachen, ist eigentlich das, was wir alle uns zur Aufgabe hätten machen sollen angesichts der Lage und dem Dilemma der "Globalen Problematik".

Ich denke Eva Quistorp spielt in einen anderen Liga, ist sowohl lokal wie auch global aktiv. Wir haben sie durch die Jahre lachen und natürlich bis auf den Grund der Sache engagiert streiten gesehen. Was uns fehlt ist eine Streit- und Gesprächskultur, wo wir uns auseinandersetzen und dann auch wieder vertragen können, wenn wir hier schon Frieden und Krieg als Rahmen der Irak-Malaise vorgegeben haben. Wenn also Mitmenschen nicht mehr länger als 10 Minuten miteinander reden können, so mag das ein Symptom einer "Quicky Gesellschaft" sein oder das Problem der jeweiligen Personen, gehört aber nicht in die Darstellung einer Person, die "wieder da ist"... Oder will man sie weg haben, denn "da" ist sie in Berlin nun schon seit fast 10 Jahren, und natürlich davor weniger, zumal Ihr Dienstsitz dann wohl eher Brüssel oder Bonn und Washington war/ noch ist.

Wir kennen aus Mediationen oder Friedensdialogen die Leute die nicht miteinander reden, die nicht einmal bereit sind im selben Raum mit "Kontrahenten" zu sein oder gesehen zu werden, aber dies kann nur Anlass sein mal die Friedensbewegten in Berlin zusammenkommen zu lassen, so sie solche sind, und dies zu einem offenen Autausch mit Zuhören und nicht Abbügeln oder Hahnenkampf um den Misthaufen, einen Hinterhof, oder ein vermeintliches Erbe.

Ich sehe Eva Quistorp auf der Ebene oder in der Liga von Leuten wie den Gründern der allgemeinen Systemwissenschaften. Damals vor fast 50 Jahren in Stanford/Kalifornien, trafen sich engagierte und umfassend interessierte Wissenschaftler, um sich um Systeme, Ethik, Frieden, Kybernetik, Ganzheit, Integration, nicht nur Gedanken zu machen. In einer Anekdote aus der Gründungsphase der Gesellschaft wird von einem Wissenschaftler berichtet, der irtümlich in den Sitzungsraum kommt, in dem sich diese heren intellektuellen Giganten versammelt haben. Neugierig geworden durch die Lebendigkeit (Penetranz oder Engagement) fragt er, was die denn hier machen.Ihre Antwort, dass sie sich mit ganzheitlichen, systemischen Fragen beschäftigen, läßt ihn kopfschüttelnd den Raum verlassen, während er murmelt "das ist nicht mein Feld" - er verhielt sich damit wie so viele nach der Vogel Strauss Methode...

Dass die Ansätze dieser Systemwissenschaftler, die verantwortlich und bedacht auch übergreifende Themen behandeln, trotz aller Erfolge, nicht nachhaltig in das Alltagswissen und -handeln Eingang gefunden haben, liegt vielleicht am Elfenbeinturm, in dem sich die alten Herren aufhielten - ergänzt durch eine Vorzeigedame von hohem Kaliber, wie damals Margarete Mead. Ich denke heute wissen wir, daß nicht nur theoretisches, sondern auch leibliches Wissen und praktische Erfahrungen einzubinden sind - Beiträge von Kindern, Alten, Fremden, Praktikern und Politikern, um jeden erreichen und ansprechen zu können. Dieses dabei immer wieder auch wenn nötig penetrant anzuklopfen ist ein Feld von Eva Quistorp. Um die dazu nötige Breite auch mit der gebotenen Tiefe überhaupt erkennen zu können, braucht es nicht nur Geduld, also mehr als 10 Minuten zuhören zu können, sondern auch Verbindungen mit anderen Sichtweisen eingehen zu können und auch mal den Verzicht auf sein eigenes gepflegtes Weltbild.

Wahrscheinlich würden viele von uns in angespannten Situationen, einer ONE-WOMAN Antikriegs-Kampagne, wobei es oft um jedes Wort in vielen Sprachen und Welten geht, auch oft kurz bzw. unfreundlich sein oder ungewollt so erscheinen. Heitere Gelassenheit und Freundlichkeit ist eine grosse Übung, zumal angesichts der Not und der Größe der Aufgaben die noch vor uns liegen... so Man/Frau sie sehen kann und will.

Dies zu Eva Quistorps Engagement und Wirkungskreis, doch noch einen letzten Hinweis zum angesprochenen Lachen. Ich habe es mir soeben auf Bildern der letzten Jahre angeschaut, Bilder aus vielen Gegenden, von Gesprächen Tag und Nacht und so kommt mir die Frage: Vielleicht ist es hier in Berlin zum Weinen, oder das Thema viel zu gross für nur wenige einzelne Menschen, und vielleicht erscheint auch dieses Portrait oder diese "Würdigung" von Eva Quistorp in der falschen Sektion dieser Zeitung, am falschen Ort - die Zeiten sind bekanntlich immer schlecht für Engagement.

END
 
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STEINBRUCH – in the works...

Rund um die Diskussion von Kulturimperialismus für Trier 2002  http://benking.de/Global-Change/Cultural-Imperialism.htm 

haben wir gezeigt, dass Egoismus, Tribalismus, Nationalismus, Imperialismus, ... von derselben Strickart sind. Sie unterscheiden sich nur in den Größenordnungen, Proportionen und Konsequenzen, im Leiden das sie potentiell erzeugen können. Die Spielchen sind dieselben wie im Kindergarten.... Vielleicht sehen Frauen eher den kleinen Busch im großen Busch, jedenfalls bedarf es angesichts der Eigeninteressen auf allen Ebenen auch entsprechender Einsichten und ein anderes "Miteinander". Und genau darum scheint es mir zu gehen, die sicht breiterer Zusammenhänge und das Engagement auf allen Ebenen. Hierzu mehr unter Regierungskunst und Situationsräume: http://benking.de/applying-panetics1999.htm

"ALS DAS OEL KAM GING DAS WASSER..."  Ich denke auch die Sache mit dem Öl ist so eine Sache, wir sollten uns an die eigene Nase fassen, denn wir Westler haben uns vom "Öl" abhängig gemacht. Preise um altenative Energien entwickeln zu können verhindert, mit allen Mitteln. siehe auch ÖLFALLE; DENKFALLE; MEDIENFALLE,... Start bei: http://coforum.de:80/index.php4?Die_Denkfalle   und http://quergeist.info

By the way... der Originalartikel sagt, Eva habe KEINEN HUMOR - da hat sich der Autor sichtlich vergriffen, beschreibt er doch selbst ihre Gesänge und das lachen über sich selbst, das um die Wette strahlen mit der Sonne.