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Realität und Virtualität der Berge  

part of the UN - Global MOUNTAIN SUMMIT 2002  (IYM)

Veranstalter: INST  -  Koordinator und Herausgeber: Wiss. Dir. Dr. Herbert Arlt

Im Rahmen des Symposiums "Bridges for a World Divided" und der Ausstellung "Realität und Virtualität der Berge" auf der Frankfurter Buchmesse. Erscheint im: Universitaetsverlag Roehrig: St. Ingbert 2002.

       
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Realität und Virtualität der Berge

 

Einleitung-Weltzugänge

Herbert Arlt (Wien): Das Licht auf den Bergen

Naoji Kimura (Tokio): Der Berg Fuji in der japanischen Kunst

Samira Kortantamer (Izmir): Die Rolle und Bedeutung einiger Berge in der arabischen Geschichte

David Simo (Yaounde): Anschauungen eines Berges: Der Kilimandjaro und seine Bedeutungen

Anette Horn (Kapstadt): „Wie fliegen die Goldadler der Flammen überall, um die Sonne, um die Eiskuppeln...“

Peter Horn (Kapstadt): „Jener reine, kühle Lebensatem, den die Gebirgsvölker auf ihren Alpen einsaugen“ (Eichendorff)

Gertrude Durusoy (Izmir): Nemrut Dagi: Der Berg auf dem Berg

Hans-Friedrich Müller (Büdingen/Deutschland): Berge im Lied

Donald G. Daviau (University of California, Riverside): The Artistic Films of Arnold Fanck, the Apostle of Skiing and High-Mountain Climbing

Jorge Bauer (Buenos Aires): Der Zug in den Wolken

Heiner Benking (Berlin): Raum und Virtualität: Potential oder Leere? Die Bergwelt als Beispiel und Ursprung für den Zugang und die Auseinandersetzung mit "neuen" Welten

Herbert Eisele (Paris): Bergmetaphorik und Sinnbild

Raum und Virtualität:  Potential oder Leere?

Die Bergwelt als Beispiel und Ursprung für den Zugang und die Auseinandersetzung mit "neuen" Welten.

Heiner Benking


Einführung und Zusammenfassung
Der Beitrag befasst sich mit Überlegungen zu den Themen: Räumlichkeit, Greifbarkeit und Anschaulichkeit die sich aus Pilotprojekten in den Alpenländern Ende der 1980er Jahre entwickelten. Kritisch war dabei nicht nur die Komplexität und Dynamik der Anwendungen rund um die Waldschadensforschung und das Umweltmanagement, sondern das Problem unseres nicht unproblematischen Umgangs mit Raum und Zeit als Herausforderung, Potential und Konzept. Und daraus folgend ob wir uns neue, virtuelle Räume vorstellen, sie darstellen und nutzbar machen können. 
Er behandelt - aufbauend auf den damaligen Entwicklungen – die Frage wie wir den Wandel in Gesellschaften und der Umwelt greifbarer und damit gesellschaftlich verhandelbarer darstellen können. Weitere Ergebnisse dieser Entwicklungen waren 1.) Überlegungen zur Zeichentheorie, wie wir Bilder und Symbole durch einen Index verbinden können (angelehnt an C.S. Peirce),sowie 2.) wie man in Zeiten der Informationsüberflutung und Orientierungslosigkeit durch die Definition von gemeinsamen Bezugssystemen/-rahmen (für Überblickswissen) Gemeinsamkeiten und Unterschiede besser erkennen, vielleicht auch verstehen, bzw. auch tolerieren kann.
Der Autor sieht ein großes Potential in der Definition von Wissens- und Ordnungsräumen, also auch von Wissenslandschaften, analog zu natürlichen Landschaften, für deren Erforschung Konzepte entwickelt wurden. Er arbeitet an neuen gemeinsamen Vorstellungs- und Darstellungskonzepten[1] und sieht Anwendungspotentiale in den Bereichen Bildung und Entscheidungsunterstützung, Wissensorganisation, Kulturnavigation und Mediation.


Zentrale Begrifflichkeiten – „Begreifbarkeiten“ des Beitrags

Vorab sollen diese Hinweise zu Wortwahl, Metaphorik, und zur Nutzung von Modellen helfen, die etwas andere Herangehensweise zu beleuchten.

1.) Es wird eine konkrete und doch bildhafte, metaphorische, analoge Sprache verwendet. So wird zum Beispiel ein„Modell“, wie es Architekten, Planer und Künstler gebrauchen, als plastische Neuschöpfung verstanden von etwas, was noch nicht da ist, was gemeinsam verändert, begutachtet und akzeptiert werden kann, oder als Konstruktion von etwas, das außerhalb unseres Meso-Kosmos, also unseres Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizontes liegt, aber doch Konsequenzen und Proportionen für unser Leben und Überleben haben kann. 

2.) Ebenen, wie sie in der Wissensorganisation unterschieden werden können, also Detailwissen, Routenwissen, Domainen-/Sektorenwissen, Überblicks-/Orientierungswissen, setzt das oben erwähnte räumliche Grundmodell voraus. So sind Meta-Informationen nicht die Information selbst, sondern beschreiben den Kontext. Siehe hierzu: (Benking 1996b) und (Benking 1990/91).

Wir leben nicht nur mit verschiedenen „Intelligenzen“ (nach dem Bildungsforscher Howard Gardner), sondern auch oft auf verschiedenen Ebenen und mit unterschiedlichen Methoden um zurechtzukommen. Dies finden wir nicht nur z.B. in den unterschiedlichen Welten der U-Bahnfahrer und Autofahrer oder der Menschen, die sich nach der Himmelsrichtung und Karten orientieren, im Gegensatz zu anderen, die sich von einer Ecke zur nächsten und von einem markanten Haus zum nächsten zurechtfinden und so auch ihre Wege beschreiben. Hier gibt es auch klare kulturelle Unterschiede. Wichtig erscheint es, die andere Art des Wissens und Zurechtzufindens zur Kenntnis zu nehmen (Benking 2001a).

3.) Hervorgehoben wird der Unterschied von flächigen gegenüber räumlichen Darstellungen, also Karte versus Modell, 2D versus 3D. Dies war besonders in englischen Beiträgen wichtig, da „spatial“ undifferenziert gebraucht wird. Der Autor führte mit Unterstützungen des Chefredakteurs von Kluwer’s GeoJournal die alte Schreibweise von spacial wieder ein, um so überhaupt das Thema in Fachartikeln behandeln zu können. (Erklärung engl. Space = Raum) (Benking, Schmidt v. Braun 1990).

Der Autor hat die Erfahrung gemacht, dass die o.g. „Orientierungsintelligenz“ stark unterschiedlich verbreitet ist und als Sonderleistung auch noch die Vorstellung und Anschauung der 3. Dimension beinhalten kann. So können Menschen in den Bergen, aber vor allem Straßenbauer in den Bergen eine ausgeprägte räumliche Anschauung haben. Dies trifft natürlich auch auf Flieger, Taucher, Architekten, Künstler und Kinder zu, eine Anlage, die gefördert und gefordert werden kann und muss, weil sie sonst verkümmert. (Siehe auch „RAUM versus LEERE“ im Punkt 4). 

Die neue Kognitionsforschung geht mit der Erforschung der Virtuellen Realität auf diese Aspekte neuerdings vermehrt ein. Ein Meilenstein war die Vergabe eines Forschungspreises an einen Studenten, der kognitive räumliche Modelle empirisch untersucht hat (Thoma 1996). Nur kurz kann hier auf die Evolutionäre Erkenntnistheorie und einen Beitrag in der Emergenz-Reihe am Konrad Lorenz Institut hingewiesen werden (Benking 1997).

4.) Sind die Begriffe Leere und Raum identisch für unsere Zwecke? Die Gründerin der Theosophie, Helena Petrowna Blawatsky,wies auf einen Übersetzungsfehler des Begriffes Shunyata (Leere) hin: sie empfahl das „Atmen der Leere“ in einem bestimmten Zusammenhang als „Atmen des Raumes“ zu übersetzen. Anschaulich und eingängig erscheint dies, da wir uns ein Füllen und Leeren (des Raumes) denken können, wie auch ein „Ein- und Ausatmen“, siehe hierzu auch Goethes „Analyse und Synthese“ (dies ist gleichfalls Zitat auf dem Blackbox Natur – Zauberwürfel von 1990). 

Über solche Übersetzungen und Interpretationen lässt sich trefflich streiten: was bleibt ist, dass ein Potential, der Raum für Neues und Überraschung durch die Assoziation mit Leere und Angst verstellt wird und dass die Leere durch die westliche Theologie die Unbegreiflichkeit und Apathie verfestigt hat, vergessend, daß in der buddhistischen Meditation Raum/Leere nicht passiv (im westlichen Sinne) verstanden wird, sondern als notwendige, pulsierende Matrix für alles, was existiert.

Solche Übersetzungen können apathische, passive Vorstellungen prägen, wie z.B. das Verständnis von Cyberculture (Levy 1996). Dies erscheint fatal für eine unbefangene Betrachtung neuer Werkzeuge und partizipativer Darstellungsmöglichkeiten und kann zu (nur) Spiel- und Angstwelten führen, zu fatalen irreversiblen Darstellungen möglicher Kulturentwicklung (Benking 1997b), (Benking 1998b), und befördert weiter ein enges dualistisches Weltbild. Die Verhinderung kreativer geistiger Mobilität und damitder Möglichkeit, maßstabs- und kulturübergreifend zu denken, führt damit auch zur Behinderung neuer partizipativer Demokratieformen und einer so nötigen Regierungskunst. 

Der Autor wagt sich bewusst mit der Infragestellung der Inhalte solch zentraler Begriffe auf schwieriges Terrain, meint aber, dass die Infragestellung notwendig ist, wenn man zu einem anderen Denken ermutigen will.

Herausforderungen und Probleme zeigen den Weg
Die Probleme der Bergwelt: Waldschäden, Lawinen, Muren, Hangrutschungen, ... waren Ende der 80iger Jahre in der Alpenregion Ausgangspunkt für Pilotprojekte in der Evakuierungsplanung, Umweltforschung, Verkehrsplanung und Waldwirtschaft[1]


Abb.1: 
Umweltschutz mit Adlerblick: Die fliegende Lupe, Seite 36-43, Artikel Titelseite aus: Bild der Wissenschaft[1], Juni 1989

Dabei zeigte es sich, daß die Komplexität, Größenordnung und Dynamik der Probleme eine große Herausforderung nicht nur für die Technik darstellte, sondern vor allem auch für unsere Denk- und Darstellungsweisen.Der Einsatz neuester Flug-, Sensor-, Kamera- und Datenverarbeitungstechniken lieferte viel-dimensionale, analoge wie digitale Daten und Informationen, die es gleichzeitig ermöglichten und notwendig machten, völlig neue Darstellungs- und Beschreibungsarten zu testen. Wir kennen von dort zwar alle die bunten Bilder aus Film- und Fernsehen, doch es war und ist immer noch ein langer Weg zur Simulation und Überlagerung der Informationen über Fachdisziplinen/-sprachen, Größenordnungen und Zeithorizonte hinweg. 


Der Einbruch der „Zeit“
Durch Film und Fernsehen, durch unsere eigenen Videos, aber auch schon lange vorausgesehen in den Werken des Kulturphilosophen Jean Gebser, der es den „Einbruch der Zeit“ nannte, wird uns immer mehr bewusst, dass sich etwas in unserer Umwelt verändert hat. Dazu gehörten auch die Ungleichzeitigkeit wie die Überlagerung ökologischer Prozesse, dass also Schnelles und Langsames, Episodisches und Epochales zusammenwirken und dementsprechend erforscht werden sollten/müssen. 
Gregory Bateson beschreibt in einem Essay die Notwendigkeit; eine „Antenne“ für Veränderungen zu entwickeln, gleich einem Sinn oder einem Gespür für das Maß und die Dynamik der Veränderung, die über uns „hereingebrochen“ ist. 
Statt einer Antenne als Wahrnehmungsorgan, empfehlen wir die Entwicklung eines Wahrnehmungs- und Erfahrungsraumes. Wir können diesen auch Situationsraum nennen, um hier andere Dimensionen als Szenarien in konkreten Modellen gemeinsam erkunden zu können und uns vor (politischen) Entscheidungen über Alternativen, Größenordnungen und Proportionen klarer zu werden (Benking 1996c)



Abb. 2: Objektive und präzise Gesamtsicht der Naturraumentwicklung (ecological dynamics)


Diese Grafik ist Teil der Wanderausstellung „Die Welt im Wandel“[1]. Es wird empfohlen, sich einen Überblick über diese Ausstellung zu verschaffen und auch einen kürzlich erschienenen Artikel zum Thema Wissensmanagement

 

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I also recommend:

GEO_ECO_DYNAMICS 1988: http://benking.de/Global-Change/Geoecodynamics-1988.html

GLOBAL-CHANGE:  

MOCOW 1988 http://benking.de/Global-Change/global-change-1988.html 

Berlin 1990:  http://benking.de/Global-Change/global-change-english-context.html  -  http://benking.de/Global-Change/system-earth-posters.html